Freitag, 30. Oktober 2009

Manchmal wachsen Shiitake-Pilze auch in Unterhosen...

Meine Mit-Bloggerin Annette ist deprimiert - soll sie doch das nächste halbe Jahr ihrer Facharztausbildung in der Ambulanz zubringen. Als ich es gelesen hatte, fiel mir prompt ein, wie doof ICH mich damals gefühlt habe, als ich - frisch von der Uni - geradewegs in die Ambulanz einer nicht gerade kleinen Uniklinik routiert bin. Ohne über Los zu gehen und mit keinen 400 Euro in der Tasche. Irgendwo gab es auch schonmal einen Artikel zum Thema Ambulanz - wie unwohl und völlig deplaziert ich mich die ersten Wochen dort gefühlt habe, und - als völliger Frischling - ständig von der Angst umgetrieben wurde, Fehler zu machen und Menschen zu schaden.

AAAAAaaaber: es gab auch unglaubliche Geschichten zu erleben - Dinge, dich ich keinesfalls vorher und nie mehr danach gehört und gesehen habe. Beispiel gefällig?

Die psychiatrischen Kollegen waren immer gut für eine ambulante Vorstellung - irgendwie sollte man meinen, die Kumpels dort hätten eine andere Art Medizinstudium absolviert, denn wie sonst sollte man sich sonst Fauxpas wie diesen hier erklären:

Mir wurde eine stationäre Patientin zum Ausschluß Frühgravidität von der geschlossenen Psychiatrie vorgestellt - als ich die Frau sah, wurde ich bereits stutzig, denn selbst, wenn sie stark vorgealter war, konnte sie sich nur noch knapp im fortpflanzungsfähigen Alter befinden. Aber egal - in Italien werden ja auch Anfang 60-jährige noch schwanger, warum sollte das hier nicht möglich sein? Ein Blick auf das Klebeetikett der Patientin bestätigt meine erste Einschätzung - die Dame ist Jahrgang 54 und somit auch Anno 2004 schon 50 Jahre alt. Einmal tief durchatmen, "Psychiatrischen Kollegen anrufen und anschnauzen" im Hinterkopf notieren und weiter im Text:

"Sind sie schonmal operiert worden!?"

"Ja - 1992 wurde mir die Gebärmutter entfernt!"

????????????????????????

"Und jetzt denken sie, sie könnten schwanger sein?"

"Ich denke nicht, ich weiß es!"

*räusper* - "Ähm, ja, nee, is´ klar. Und - woher wissen sie das? Haben sie einen Urin-Test gemacht?"

*EmpörterBlickDerPatientin* "Natürlich nicht, ich habe einen Kot-Test durchgeführt!"

*HUST* - "Ach" *ImmerNochHust* "sowas gibt es....?!"

"Ja, natürlich! Und es werden Zwillinge - schauen sie doch mal nach, wie es ihnen geht!"

Ich hab die Dame dann zur Kontrolle in 4 Wochen einbestellt, nachdem ich ihr versichter habe, daß die Schwangerschaft noch zu frisch sei, um die Herztätigkeit im Ultraschall nachweisen zu können. Komischerweise kam sie nicht mehr - vielleicht hat sie ja woanders entbunden???...

Auch lustig - bei einer Frau mit vaginalem Juckreiz und fraglichem Ausfluss fischte ich nach kurzem Suchen einen wohlerhaltenen, nur leicht übel riechenden Shiitake-Pilz aus dem hinteren Scheidengewölbe.

Ich (sehr erstaunt): "Nanu - wo kommt der denn her???"

Sie (verständnislos): "Na - die wachsen in meiner Unterhose!!!"

Achso, ne, doofe Frage. Hätte ich mir ja auch denken können. Nur schade, daß der Chinese meines Vertrauens das KungPau jetzt immer OHNE Shiitake machen muß. Ich hab es bis heute nicht übers Herz gebracht, ihm zu erklären, warum ...

Die letzte kleine Anekdote für heute: Sitzt eine junge, sehr mitgenommen aussehende Frau mit dunklen Ringen unter den Augen und einem Säugling im Maxi-Cosi vor mir und berichtet von ihren Zyklusstörungen. Ich frage, ob sie denn viel Streß hätte, was sie bejaht: den 4 monatigen Säugling und eine knapp zweijährige Tochter Zuhause, da käme sie nicht wirklich zu Ruhe und Schlaf. Ich beruhige sie, daß Menstruationsunregelmäßigkeiten in diesem Zusammenhang recht häufig vorkämen, laß sie aber trotzdem über den obligatorischen Test pinkeln - und siehe da: Das Mädel ist tatsächlich schwanger. Und geschockt - denn zum einen ist das Jüngste ja gerade erstmal fertig ausgebrütet, und außerdem wolle ihr Mann keinesfalls ein weiteres Kind. Zumindest jetzt nicht, und später nicht gleich.

Ich beruhige sie, daß sich schon alles finden würde, und will erstmal Ultraschall machen - das kleine, wild schlagende Herz hat noch so manche Muttergefühle reaktiviert - also ran ans Gerät, und: mir bleibt fast das eigene Herz stehen! Die Patientin schaut mich verwirrt an, und fragt bedrückt, ob alles gut sei? Ja, soweit.... - Ob denn das Herz schlägt? Ja, doch - schon.... - Ob denn irgendetwas nicht in Ordnung sei??? Nun ja.... - "Frau XY, ich bin sehr froh, daß sie liegen...!" - "Oh Gott, es werden Zwillinge!!!!" - "Ähm..... - nein........ *hust*.... es werden *schnauf* drei........!"

Die Arme saß eine ganze Weile völlig regungslos in unserem Familienzimmer, bekam einen Tee nach dem nächsten gekocht, bevor ihr Mann sie nach einer guten Stunde einsammelte und behutsam aus der Ambulanz führte. Die Babies hat sie dann ein knappes halbes Jahr später alle bekommen, Mutter und Kinder wohlauf - und der Vater hatte es schlußendlich doch noch gut weggepackt.

Tja, solche Sachen erlebt man da - und kann Jahre später noch einen Blogeintrag drüber schreiben. Ist also doch nicht ganz so schlimm - die Ambulanzzeit... :)

Samstag, 24. Oktober 2009

SOMMER!!!

18. Oktober, Rhodos - 11 Uhr Ortszeit

Ich liege bei kuscheligen 27°C auf meiner Sonnenschirm beschatteten Strandliege, iPod auf den Ohren, kühles Getränk zu meiner Rechten, und schaue den Kindern dösig beim Schwimmen und Muschel suchen zu.

Ich gestehe, als mir mein gelieber Ehemann im Juni diesen Jahres eröffnete, er wolle für die Herbstferien eine Woche Rhodos buchen, war ich äußerst skeptisch: Griechenland Mitte Oktober??? Gibbet Heizung in südeuropäischen Hotelappartements??? Und - würde da überhaupt noch irgendjemand sein, außer mir und meiner Familie, jemand, der Essen kocht und Getränke kredenzt und Betten macht - oder muß ich da bei trocken Brot und Wasser einsam im Chaos versinken???

Nun, an Tag 3 des Sommerurlaubes im Herbst bin ich bekehrt: es ist tatsächlich wie immer - nur noch viel besser!!! Strand und Pool füllen sich zwar im Laufe des Tages immer noch einigermaßen mit leicht bekleideten Touristen, aber lustigerweise muß niemand morgens um 5 Uhr schlaftrunken Handtücher auf Liegen platzieren. Das Essen ist großartig, und ich habe jetzt schon mehr Bräune eingefangen, als nach 3 Monaten eigentlich-ganz-akzeptablem-Deutschland-Sommer. Meine Lieblings-iPod-Playlist ist schon zweimal hoch und runter gehört (und die umfasst immerhin 220 Songs!), ich hab endlich meinen neuesten Elizabeth-George-Schinken gelesen bekommen, und mein gefühltes Alter auf 28 plus/minus zurück gefahren - kurzum, dies ist Sommerurlaub vom Feinsten!

Auch Kopf und Nacken sind wieder wie neu, ich bin endlich ausgeschlafen, bester Laune und hab die Akkus voll aufgeladen. Das alles müßte nun reichen, um einigermaßen über den deutschen Winter zu kommen. Nur mein Mann - der hat ein Problem jetzt: ich bin nämlich schonmal am planen - für den nächsten Herbstsommer... :)))

In The Middle Of Nowhere...

Sonntag, 11. Oktober

10.30 Uhr - Der Laden brennt! Nachdem ich mit Chef eine außerplanmäßige Wochenend-Chefvisite durchgeführt habe, kommt Schwester F. aufgeregt ins Übergabezimer geplatzt: "Haben sie auch eine Feueralarm-Meldung aufs Handy bekommen?!" *stammel* - Blick aufs Telefondisplay: Nope! Zweimal negativ. Der Anruf beim allwissenden Pförtner ergibt nachlautende Info: "Feueralarm ausgelöst, Ursache unbekannt, Löschzug unterwegs - Ruhe bewahren!" Na, dann ist ja gut.

Bei Ankunft der hiesigen Feuerwehr stehen Chef und ich freundlich winkend und Kaffee trinkend auf dem Stationsbalkon. Sensationstourismus life und in Farbe!

Wie sie bald herausstellen soll, handelte es sich bei unserem "Großbrand" lediglich um einen Fehlalarm - nicht der Einzige für diesen Tag - doch davon später mehr.

Nachdem CA N. sich nach Hause verabschiedet hat, schlägt Frau von Sinnen erneut in meinem Kreißsaal ein - dieses mal mit einem fraglich pathologischem CTG zum Wehenbelastungstest.

Warum eigentlich immer ich???....

Im zweiten Wehenzimmer bereitet sich derweil Frau E. auf die Geburt ihres 2. Kindes vor - Zustand nach Sectio vor 2 Jahren, unauffälliger Schwangerschaftsverlauf, aktuell angestrebter Geburtsmodus: spontan!

TM - die zuständige Hebamme (TM für "Top Model" - bei Germany´s Next käm sie garantiert unter die Top Five...) verbreitet wie immer freundliches Chaos: ihre Eigenart, nur im obersten Oktavbereich mit den Schwangeren zu reden und wenn irgend möglich immer nur die substantive Verniedlichungsform zu wählen (Kreißi, Schlafi, Bääääbie... *schüttel*) macht mich zwar leicht wuschig, aber im Grunde ihres naturblonden Herzens ist TM ein guter Kerl, da steh ich dann auch mal großzügig drüber :)

Während wir es uns also zu dritt im Kreißsaalafenthalt gemütlich machen, quatschen Frau von S. und ich nochmal die Schulterdystokie des vergangenen Dienstes durch, während TM mit weit aufgerissenen Augen atemlos zuhört. Nee - eine Schulterdystokie wäre ihr in den 10 Jahren Hebammentätigkeit noch nie unter gekommen... - Tja, hätte sie doch nur dreimal auf Holz geklopft...!

Es ist früher Nachmittag, als TM mit ihrer Frau in den Kreißsaal umzieht. Soweit sieht alles bestens aus - schönes CTG, PDA sitzt, Wehen hat es auch. Was will man schon mehr?

Um kurz vor drei werde ich dann zur Geburt gerufen. Das Köpfchen rutscht gemähchlich weiter, schneidet ein, bleibt im Damm sichtbar stehen, schiebt sich weiter. Der Damm selbst ist hoch - sehr hoch, das Kind deutlich unter 4000 g geschätzt, somit lasse ich die Schere achtlos links liegen.

15 Uhr - das Köpfchen ist geboren, und ich denke, mich trifft der Schlag: die Schulter STECKT!!! Fassungslos starrt TM erst mich und dann die kleine Schildkröte an - "Das darf noch jetzt nicht WAHR sein!" steht ihr förmlich ins Gesicht geschrieben - "10 Jahre alles in Ordnug, und jetzt DAS!!! Hätte ich doch nur nicht...!!!"

Geburtshelfer im allgemeinen und Hebammen in speziellen neigen gerne mal zum Aberglauben - doch dafür ist gerade mal gar keine Zeit. 1, 2, 3 haben wir das Kreißbett umgebaut und die Schwangere halb auf die Füße gestellt, als wir die Beine auch schon wieder zurück zu den Ohren ziehen. Dann Ausgangsposition -> Kopf steckt immer noch unbeweglich zwischen mütterlichen Schenkeln. Also noch einmal das Ganze - und siehe an, nach einer flotten Drehung des kindlichen Köpfchens folgen ganz spontan die Schultern hinterher - QUER!!!

Egal, hauptsache raus, denke ich mir, und das es dem Kleinen gut geht zeigt es uns durch prompt einsetzendes, wütendes Gebrüll. Ich will schon erleichtert aufatmen, als TM panisch auf die immer größer werdende Blutlache vorm Kreißbett zeigt.

SCHEI**E - was ist DAS denn???

Es gibt zwei Sorten Blutungen nach Entbindung - Gefäß oder Atonie. Letzteres heißt, das die Gebärmutter sich nicht adäquat zusammen zieht, die Wundfläche, an der vorher der Mutterkuchen haftete, immer weiter blutet, bis - ja, bis die Frau schlimmstenfalls ausgeblutet ist. So eine Atonie kann mal richtig haarig werden - nicht selten verlieren Frauen bei so etwas ihre Gebärmutter - hin und wieder gar ihr Leben...

Okay, Ruhe bewahren! Nachdem ich festgestellt habe, das es so stark blutet, das es unmöglich ist zu sagen, wo die Blutung her kommt, greif ich mir einen Stapel Vorlagen und Tücher, presse sie der Frau mit einer Hand in die Scheide, während ich mit der anderen den Fundus Uteri suche, finde und festhalte. Dann gehts ans delegieren: TM wird geheißen, Anästhesie und OP zu informieren, Frau von S. ruft den Chef an, während die Praktikantin erst Vater und Kind aus der Schusslinie bringt, um dann Blutkonserven im Labor zu organisieren. Zwischenzeitlich ist der Anästhesist mit seinem Pfleger im Kreißsaal aufgetaucht - und beginnt eine unmögliche Hektik zu verbreiten. Obschon Funktionsoberarzt und im fortgeschrittenen Alter hat es den Anschein, als sei dies sein erster Notfall überhaupt. Von drei gelegten Zugängen reist er zwei in seiner Fahrigkeit gleich wieder heraus. Dazwischen brüllt er abwechselnd seinen Pfleger und die ohnehin nervlich völlig dekompensierte Hebamme an, bis mir die Hutschnur platzt und ich mir ein bisschen Ruhe und Ordnung ausbitte. Doch dann geht die Tür auf - und Chef ist da! Mein Puls fährt automatisch um mindestens 200 Schläge auf physiologische 160 bpm zurück, und ich atme erleichtert durch. JETZT wird alles gut! Wie schön, wenn man einen Hintergrund hat, der im Notfall kommt, und mal eben alles richtet...

Dr. N. strahlt obendrein auch in der größten Katastrophe honiggelbe Ruhe aus - und nachdem er sich einen Überblick verschafft, sowie an jeden der Anwesenden ein paar beruhigende Worte verteilt hat, fährt sogar Dr. Anästhesie das Adrenalin wieder ein bisschen zurück. Keine 10 min später stehen wir dann alle im OP und kennen nun endlich die Ursache der Blutung: ein bis dato unerkanntes, während der Schwangerschaft wohl beträchtlich gewachsenes Hinterwand-Myom hatte das Zusammenziehen der Gebärmutter an eben dieser Stelle verzögert - und damit die Blutung ausgelöst. Jetzt war sie jedoch gottlob zum Stillstand gekommen und weitere Gefahr gebannt.

Nachdem ich die Dammverletzung der Frau ordnungsgemäßt versorgt habe, geht es zurück in den Kreißsaal, wo es mich eine weitere Stunde kostet, TM wieder einigermaßen in die Spur zu bekommen.

Gegen 18 Uhr ist dann alles wieder gut - wir haben noch lecker Abendessen bestellt - es kommt sogar ein bisschen was wie Partystimmung auf - und alles könnte gut sein, wenn - ja, wenn Frau von Sinnen nicht klammheimlich aus ihrem Wehenbelastungstest eine einsetzende Geburt gezaubert hätte! Nicht, das ich keine Geburten mag - ganz im Gegenteil - aber dieses Pärchen ist schlimmer als eine akute Salmonellenvergiftung, ich schwöre!!

Beide Anfang 20 und beide hochakute Logorrhoeiker. Will heißen: die quatschen dir die Ohren blutig, bis der Arzt kommt. Beidseits und in Stereo. Nicht zum aushalten!!! Nach 2 Minuten Anamnese und einem kurzen Blick aufs CTG muß ich leider fluchtartig den Raum verlassen, und es dauert eine geschlagene 1/4 Stunde, bevor das Brummen in meinem Kopf nachlässt, und ich wieder weiß, wie ich heiße, und was ich hier mache...

Es ist kurz vor 23 Uhr, als sich ein erneuter Kontakt leider nicht vermeiden läßt: Frau H. kommt zur Geburt, leider bringt das ihren ungeheuren Redeschwall nicht im mindesten zum versiegen - im Gegenteil legt sie jetzt sogar erst richtig los: Wie lange es denn noch dauert, ob man schon Haare sehen könne, ob der Damm hält, mit was dieser genäht werden würde, wenn denn nicht, ob man jetzt schon sehen könne, wie lange die Plazentalösung dauert, warum das Gefühl in der Scheide so komische sei, ob sie die Haare des Kindes mal tasten könne, ob sie die Fontanelle unter den Haaren des Kindes mal tasten könne, warum man die Augen beim pressen schließen müsse und WIE lange es jetzt noch dauert?!...

Aber da selbst Frauen nicht gleichzeitig reden und entbinden können, sehe ich mich nach 3 Presswehen mit Köpfchen auf Beckenausgang gezwungen, das Dauergesabbel bis zur Vollendung der Geburt energisch zu unterbinden. Und - in der Tat, kaum nutzt Frau H. ihre Luft zum Pressen statt zum Reden, können wir endlich entbinden.

Die Versorgung des DR I° kostet mich dann allerdings nochmal alle verfügbaren Kräfte, denn jetzt wird nicht nur geredet, sondern auch gezappelt. Ruhig, Brauner, alles wird gut...!!!

0.30 Uhr - die Patientin ist versorgt und schallisoliert untergebracht, die Geburt dokumentiert und ich endlich, endlich im Bett gelandet. Dienst quasi vorüber - Hurray! Doch: weit gefehlt!!!...

4.00 Uhr - Telefongebimmel! Frau 7 for all mankind (unsere Edelhebamme) etwas aufgeregt am anderen Ende der Leitung, ob ich mal kommen könnte, das CTG wäre gerade ganz schlecht...?!

???????????

CTG???? Von welcher Frau??? Wie spät ist es? TRÄUM ich???

Im Kreißsaal angekommen stelle ich fest, das es 4 Uhr morgens ist und 7fam seit 2 Stunden mit einem zweitgebärenden Blasensprung am Termin und Wehentätigkeit zugange ist. Letzter Befund: 7-8 cm Muttermund, guter Geburtsfortschritt, gerade jedoch anständig mit den Herztönen abgerauscht. Als ich mir das CTG nun anschaue, ist alles schon wieder gut. Okay, also PDA und weiter im Text.

4.15 Uhr - PDA liegt, ich will es mir gerade im Stützpunkt gemütlich machen, als ein tiefes, dumpfes Stöhnen, gefolgt von 7fam´s "Josephine - komm mal schnell!!!" aus dem benachbarten Wehenzimmer tönt. "Großer Gott - schlimmer Herztonabfall?!" denke ich und sprinte, aufs Schlimmste gefasst, nach nebenan. Doch - weitgefehlt, Frau Z. hat lediglich das Pressen angefangen, und ich kann schon deutlich eine Berg dunkler Haare über dem Damm herausblitzen sehen!

Wir schaffen es gerade noch so in den Kreißsaal, wo Frau Z. um Schlag halb fünf von einem gesunden, kleinen Jungen entbunden wird.

Super! SO kann das von mir aus immer laufen. Auch wenn die Nacht für heute wieder vorbei ist. Aber - was macht das schon. Oder, wie mein alter Uni-Chef früher immer zu sagen pflegte: "Schlafen können sie auch noch nächsten Monat!"

To be continued...

Last Action Hero

Es war, als hätte sich die Welt vor Antritt meines Urlaubes gemeinschaftlich gegen mich verschworen - 3 Dienste, dreimal geballtes Chaos. Bitteschön - DAS muss für die nächsten 2 Wochen ausreichen...:

Freitag, 09.10. -

der Dienst beginnt angenehm ruhig - und so verbringe ich die ersten Stunden des Tages mit oSoleMia und deren neuestem Spielzeug - dem iPhon! Soli ist zwar eine töffte Hebamme, aber von Technik-Eiern und kompatibler Software hat sie soviel Ahnung, wie der Psychosomatiker vom operieren. Und so zieht der Nachmittag vorüber mit dem Einrichten von iTunes-Konten, dem verballern von MasterGoldCard-Nummern (warum bin ICH eigentlich nicht Hebamme geworden???...) und auf der ersten Suche nach den neuesten Apps.

Währenddessen weht Solis Ertgebärende zwei Zimmer weiter friedlich von 3 auf 8 Zentimeter. Braves Mädchen.

Gegen 18 Uhr wird es eng im kleinen Besprechungszimmer - Frau von Sinnen stapft - mit grimmiger Miene und allen von-Sinnen-üblichen Überlebensutensilien bewaffnet - zur Tür herein, eine Schwangere mit Blasensprung im Schlepptau - die Nacht verspricht eine Kurze zu werden. Nachdem die Ambulanz dann doch noch voll läuft, ist es schließlich 0.30 Uhr, als mein Dienstbett und ich endlich zusammen finden. DOCH: zu früh gefreut, keine halbe Stunde später ein bimmelndes Telefon mit einer kleinlauten oSoleMia - das CTG sei schlecht, der Geburtsbefund seit zwei Stunden gleichbleibend, ob ich denn mal schauen könnte...?!

Nee, eigentlich gerade gar nicht, meine Augen sind müd und würden gerne nichts anderes mehr sehen, als die Augenlider von innen - aber wen interessiert das schon??? Im Kreißsaal liegt eine sich windende, schnaufende, heulende Frau elendsgleich auf dem ausladenden Kreis(s)bett, und ich denke wehmütig, wie gut es sich DA drauf wohl gerade schlafen ließe...?! Okay, zurück zum Tatort - Frau Z. ist eine durchaus hübsch anzusehende, barock gebaute Rothaarige, mit sympathischem Lächeln und myriaden von Sommersprossen, und sie lächelt immer noch, als sie mir zwischen zwei Wehen ein durchaus freundliches, aber geradezu gnadenlos endgültiges "Ich will jetzt einen Kaiserschnitt!!!" entgegen knallt. Ääääh - wie jetzt?? - Ja, sie hält es nicht mehr aus, die Schmerzen und so (Frau Z. hat quasi mit Aufnahme in den Kreißsaal die PDA verpaßt bekommen - auf höchstdringlich eigenen Wunsch wohl gemerkt - hätt ich sie doch nur gleich sektioniert...), und deshalb wolle sie jetzt und hier GLEICH einen Kaiserschnitt haben.

Okay, 1 Uhr morgens, Muttermund vollständig - schöne Nummer das. Soli steht mit verschränkten Armen und "SiehstDU!!!"-Blick neben mir, bescheinigt auf Nachfrage den fehlenden Geburtsfortschritt und ist leider in keiner Weise gewillt, mir zur Seite zu stehen. Wozu auch? Frau Z.s Entschluss steht bombenfest, und es gibt nichts frustraneres, als eine (wohlgemerkt: schmerzfreie!!!) Frau zur spontanen Entbindung zu zwingen. Geht hierbei auch nur die kleinste Kleinigkeit schief, steht man augenblicklich mit beiden Beinen in Teufels Küche. Und da will ich nicht hin. Nicht mitten in der Nacht, keinesfalls 4 Tage vor meinem wohlverdienten Urlaub! Also trommel ich "das Team" zusammen - Chef, Anästhesie, OP - den üblichen Verdächtigen eben, und keine Stunde später ist Frau Z. mittels "sanftem" *HUST* Kaiserschnitt von einer wirklich entzückenden, kleinen Tochter entbunden.

Das ich das Kind dabei quasi von Scheidenausgang wieder zurück in den Bauch ziehen mußte, macht mich wirklich wütend. Noch eine halbe, dreiviertel Stunde Mitarbeit und bisschen pressen - dann hätten wir Mutter und Kind dieses Rumgeschnippel ersparen können. Der Chef meint nur lapidar, ich solle mich nicht ärgern - so wäre es nunmal, und außer mir seien doch alle glücklich...?! Ich will aber AUCH glücklich sein *mitdemfußaufstampf*

Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewußt, WIE der Abend - nein, das ganze Wochenende noch weiter gehen würde, ich wäre augenblicklich SOWAS von glücklich gewesen... - aber so war ich zu jenem Zeitpunkt nur missmutig und müde.

Selber Tag, 4 Uhr morgens.

Ich hab kaum Geburt und Sectio eingegeben, und mein müdes Haupt auf weiches Kissen gebettet - Telefon!!! Kennt jemand den Film "Und täglich grüßt das Murmeltier"??? Dies ist mein ganz persönlicher Groundhog Day, ich schwöre!!!

Am Telefon Frau-von-Sinnen, im Hintergrund hör ich das metallische Schnorcheln des Sauerstoffgerätes - und Frau von S. muß schon gar nichts mehr sagen, im blinden Galopp schmeiß ich mich in Schuhe und Kittel, jage den Gang hinunter und die Station hinauf. Frau I. ist eine kleine, muckelige Frau, der riesige Bauch wippt mit jeder Wehe bedrohlich auf und ab, und scheint noch immer bis zur Klavicular zu reichen, obwohl das Köpfchen schon fast geboren ist. Frau I. schiebt wie der Teufel, die Skleren schimmern bereits in allen erdenklichen Rottönen (deshalb AUGEN ZU, Kopf auf die Brust uuuuuuuuund....), aber noch steht das Köpfchen wie festzementiert auf Beckenausgang.

Frau von S.´ Blick ignorierend schnapp ich mir die Dammschere und stell mich schonmal in Position. Nein, ich bin sicher kein Freund der prophylaktischen Episiotomie (=Dammschnitt), aber der hier sieht schon arg stramm aus...

Als hätten die Frau und Von Sinnen einen Pakt geschlossen, drückt Frau I. das Kind in der nächsten Wehe völlig schnittlos, dafür mit mächtig Karacho über den Damm und... - Fertig!!!! Nee, nicht so, wie ihr denkt. Turtlephänomen!!! Oder zu deutsch: Schulter steckt.

Der Alptraum eines jeden Geburtshelfers, wenn der Kopf nach Geburt nicht brav routierend das Nachdrehen der Schultern anzeigt, sondern wie festzementiert im Scheidenausgang pfropft und in jeder neuen Wehe scheinbar ins Innere der Scheide zurück gesaugt wird. Gruselig das, echt gruselig!!!

Es gibt extra Standards, wie man sich im Falle einer solch eingeklemmten Schulter zu verhalten hat, und dieses Programm beginnen wir jetzt gerade abzuspulen: Zuerst MacRoberts-Manöver: Die gestreckten Beine der Patientin werden einmal - übers Kreißbett hinaus - gen Boden geführt, und dann - gemeinschaftlich und parallel in einem Zug - bis quasi zu den Ohren gezogen. Schwangerschaftsgymnastik für Fortgeschrittene sozusagen - ich schwitze, was das Zeug hält, und dreiviertel davon ist der nackte Angstschweiß.

Nichts. Das immer blauer werdende Köpfchen steckt nach wie vor korkenähnlich in der Mutter, der Blick zur Uhr - wir haben 10 Minuten. Plus - Minus.

Zweites MacRoberts - selbes Procedere. "Bitte-bitte-bitte" kreist in meinem Kopf "bitte lass ihn drehen"...

Wir halten inne - und da - dreht er. Einmal um 180 ° von 9 auf 3 Uhr. Und propft weiter. Also auf ein drittes...! Dieses Mal scheint die Schulter gelöst, ein leichtes Absenken entwickelt die vordere Schulter, nach Anheben folgt die hintere ein wenig widerwillig - und dann ist er da. Und blau. Und schnauft nicht.

Wie heißt es schon so schön bei "House of God"? Wenn jemand einen Herzstillstand hat - erst einmal den eigenen Puls fühlen. Ich schnaufe selber mal tief und lege los. Wie im Film läuft das Schema durch - Neugeborene brauchen Wärme - frische Decke, Wärmebett - sie haben keine Probleme mit dem Herzen, sondern mit der Atmung - also Schnüffelstellung und Maske drauf. Schön abdichten - und parallel Anästhesie informieren.

Der kleine Wurm liegt schlappi vor mir als der Brustkorb sich unter meiner Beatmung zu heben und senken beginnt. 30 Sekunden, dann muß sich etwas getan haben - sonst folgt der nächste Punkt auf der Liste: Druckmassage. Doch so weit müssen wir gottlob gar nicht gehen - das Kindelein wird rosig, alles doch noch gut. Der erste Schrei macht mich jetzt wirklich glücklich. Ich bin klatschnass geschwitzt - und frage mich mal wieder, ob ich nicht doch langsam zu alt bin für das Spiel...?!

To be continued....

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Angeschossen!!!

Letzten Mittwoch bekam ich nach dem Abendreiten plötzlich muskelkaterähnliche Verspannungen im Nacken - eigentlich nicht ungewöhnlich, hatte ich doch am selben Tag außerdem noch zwei vaginale Hysterektomien assistiert, da zeigt einem der Körper hinterher schonmal das physiologische Alter eine Spur zu deutlich...

Normalerweise ist dann am nächsten Morgen alles wieder okay - eine Nacht drüber geschlafen reicht in der Regel aus, die müden Knochen wieder auf Vordermann zu bringen. Diesmal nicht... Mittwochmorgen Schmerzen im Nacken, ausstrahlend in die rechte Schläfe... *bääääh* - ich HASSE Kopfweh! Auch das Drehen von links nach rechts ist mühsam - ich dope mich in guter alter Neurologen-Manier mit Voltaren und Mydocalm. Keine Stunde später ist der Spuk vorbei und ich fühl mich geschätzte 20 Jahre jünger. Der nächste Morgen ist dann nur noch halb so schlimm - ein erneuter Neuro-Cocktail läßt mich sanft wie eine Gazelle und völlig beschwerdefrei durch den Tag gleiten - als ich dann am Samstagmorgen nur noch mit einer dumpfen Ahnung von Schmerz im Nacken erwache, erklär ich mich zufrieden für geheilt, und denke nicht mehr länger drüber nach.

Sonntagmorgen, 7.30 Uhr - der Dienstwecker (=Ehemann) weckt mich vorsichtig aus komatösem Vollmondnachtschlaf, und noch ehe ich die Augen richtig aufgemacht habe, trifft es mich wie ein Blitzschlag: ANGESCHOSSEN!!! SO und nicht anders muß es sich anfühlen, wenn dir einer die 45er Magnum an den Kopf gehalten und abgedrückt hat. Bei jeder kleinen Bewegung schießt der Schmerz vom Occipitalansatz des rechten M. Sternocleidomastoideus (der war das doch, oder... *grübel*) ins ipsilaterale Schläfenhirn, und ich muß mich erstmal kurz sammeln, bevor ich den Kopf auch nur ansatzweise über normal Null heben kann.

Nein, da war kein Alkohol im Spiel, ich schwöre. Von zwei Flaschen Mineralwasser und einer Bionade gibt es keinen Kater - großer Gott, wer bin ich, wo bin ich und vor allem: WAS IST DAS??? Noch vor der ersten Tasse Kaffee findet eine 800er Ibuprofen den Weg in meinen übelkeitsgebeutelten Magen (was das flaue Gefühl nicht wirklich besser macht...). Unter der Dusche steh ich dann völlig unökologisch 20 Minuten lang unter geschätzt 100°C heißem Wasser, bis der Schmerz endlich erträglich wird. Weia - wie zum Geier soll ich diesen Dienst überleben???

Doch es geht. Nach einem anständigen Frühstück hat die Ibu schon brav ihren Job erledigt, und ich habe nicht mehr das Gefühl, bei jeder Kopfbewegung in ein Fleischermesser zu laufen. Den Dienst verbringe ich relativ schmerzfrei und wohl beschäftigt - bis der Tanz am nächsten Morgen gegen 5 Uhr von vorne beginnt...

Mittags sitze ich dann weich gekocht und mit fetten Augenringen beim Orthopäden meines Vertrauens, der mir erst mal ungefragt und laut krachend den 5er Halswirbel einrenkt. Dankeschön auch - zum Glück mag ich den Kerl echt gerne, sonst wär ich ihm jetzt mal direkt ins Gesicht gesprungen. Immerhin fühlt sich alles wieder relativ normal an - weit gefehlt... - als gegen 20 Uhr die Wirkung der Schmerzmedikation nachlässt, ist der Messersatz auch schon wieder da - und die Nacht wird eine qualvolle Aneinanderreihung von Drehung-Schmerz-Wachwerden. Was mir am Dienstagmorgen im Spiegel entgegenschaut könnte ohne Probleme bei "Die Rückkehr der Zombies" mitspielen. Und als wär es nicht schon schlimm genug - ist heute auch noch DienstTag...

In der Klinik fange ich meinen Lieblingsorthopäden (Belegarzt in unserem Haus) noch vor der Visite ab, und er schickt mich stante pede zum HWS-Röntgen. Dort erfahre ich, was ich schon immer wußte: ich bin alt und meine Knochen sind noch älter. Aber zumindest ist es wohl kein Bandscheibenvorfall. Super - Armut macht dankbar. Allerdings interessiert das meinen Mörderkopfschmerz nicht im geringsten - ganz im Gegenteil malträtiert er mich (völlig therapieresistent) weiter, egal, wie ich den Kopf halte, egal ob sitzend, liegend oder stehend - es zieht, bohrt, klopft und hämmert, und weder Ibu noch Voltaren, Mydocalm oder Novalgin bringen auch nur Linderung. Ich kann plötzlich verstehen, warum Menschen mit Neuralgien akut suizidgefährdet sind.

Der Dienst zieht sich wie Kaugummi, ich könnte vor Dankbarkeit heulen, als um 16 Uhr alle Kollegen den Heimweg angetreten haben, denn JETZT kann ich mich endlich mal 10 Minuten hinlegen - und zum ersten Mal an diesem Tag läßt das dumpfe Klopfen in Hirn und Hals zumindest ein bisschen nach.

Die Nacht wird dann ruhig - allerdings nur, was den Dienst angeht - ich gehe weiterhin bei jeder Drehung von links nach rechts und umgekehrt die glatte Wand hoch, brauche jedesmal gefühlte Stunden, bis ich wieder eingeschlafen bin, nur um kurz darauf von der nächsten Drehung wieder aus dem Schlaf gerissen zu werden. Um 4.30 Uhr bin ich hellwach und bereit, Telefonbücher mit bloßen Händen zu zerreissen, wenn nur endlich der Schmerz aufhört!!! 30 Trpf. Novalgin retten mich vor dem Sprung aus dem Fenster, und gegen 7.20 Uhr wanke ich mit leerem Blick und zwanzig Jahre gealtert in meine Übergabe. Der Chef erschreckt sich fast zu Tode, als er meiner Ansichtig wird, aber für lange Erklärungen fehlt mir die Energie - ich übergebe meinen Dienst in zwei kurzen Sätzen und mache mich - zombiegleich - auf die Suche nach "meinem" Orthopäden. Dem muß ich gar nichts erklären - mit einem Blick auf mich schnappt er sich eine Ampulle Lidocain und verfrachtet mich ins nächste Arztzimmer, wo er hübsch langsam alles injiziert, was geht. Zwei Minuten später steh ich wankend auf dem Gang und falle beinahe meinem Chef in die Arme, der mich - immer noch schwer besorgt - in SEIN Arztzimmer verfrachtet, wo ich zusätzlich zum Lidocain auch noch ein Dutzend Nadeln gesetzt bekomme.

Mir ist jetzt alles egal - mein Hinterkopf ist warm und taub, meine Ohren pieksen und in meinem Kopf macht sich glückselige Leere breit. Nach 20 Minuten bin ich zwar immer noch stark seeganggeprägt, aber immerhin zum ersten Mal seit über 24h wieder schmerzfrei. Chef kauft mir zur Feier des Tages einen Latte und nachdem ich den noch getrunken habe, bin ich auch endlich wieder fahrtüchtig.

Jetzt ist es 11.10 Uhr, mein Hinterkopf gehört immer noch nicht wirklich zu mir, und der Schmerz ist bis auf eine Spur von Rest völlig weg. Ich bin gespannt, wie lange dieser göttliche Zustand anhalten wird - denn am Freitag ist schon wieder Dienst, und ich hab keine Ahnung, ob ich so etwas wie gestern nochmal überlebe...

Montag, 5. Oktober 2009

Ja, sind sie denn auch GAAAAAAAAAANZ sicher?!.......

Vorweg: "In der Medizin gibt es keine 100%!" ist neben "Bei Hufgetrappel an Pferde (nicht an Zebras) denken!" meine zweite Lieblingsweisheit, die ich den Leuten großzügig bei jeder sich bietenden Gelegenheit um die Ohren haue. Will sagen: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Menschen, die man zum Sterben nach Hause schickt, laufen 25 Jahre später noch putzmunter durch die Weltgeschichte, während Andere durch Nichtigkeiten hinweggerafft werden. Und genauso, wie ein völlig blandes Abdomen schonmal eine perforierte Appendix beherbergen kann, hat ein quersitzender Pu*s schon nachts um drei Notfall-OPs zum Leben erweckt!

Also - alles klar? Verstanden? Zum Mitschreiben: In der Medizin ist nur eines sicher, nämlich das NICHTS sicher ist. So!

Gestern abend nun schickt mir mein Lieblings-*HUST*-Chirurg (kleiner, lispelnder Spanier, hier kurz "Hombre" genannt) eine 20jährige mit akuten Unterbauchschmerzen zur gynäkologischen Mitbeurteilung. So weit - so normal. Hombre schickt immer ALLES zur gynäkologischen Mitbeurteilung - egal ob 7 Jahre und prämenstruell oder 108jährig und scheintot. Wenn er könnte, würde er mir auch noch alle Männer aufs Auge drücken - aber das wäre dann doch zu auffällig. Dabei ist Hombre kein schlechter Kerl - nur eben ein miserabler Diagnostiker. Er traut niemandem - weder dem gyänäkologischen Kollegen, der die Konsilpatientin noch am selben Tag gesehen und für unauffällig befunden hat, noch der Aussage der Frauen ("Herr Doktor - es tut aber im OBERBAUCH weh!?" - "Aaaaaaah - dath machte nixth, dath kann thon mal auth-thralen von die Eierthtock!..." - nee, is´ klar) - aber am allerwenigsten sich selbst. Schade eigentlich...

Also - zurück zum Faden, gestern abend, 22.30 Uhr, schickt Hombre mir nun also besagtes Mädel vorbei - welches gleich noch Mama, Bruder, Freund, Onkel, Neffe der Großnichte dritten Grades und Schwager der Tante des Hausmeisters im Schlepptau hat. Ich bugsiere Mutter und Tochter ins Untersuchungszimmer und heiße die Gefolgschaft, sich aufzulösen um am heimischen Telefon auf Neuigkeiten zur warten - wir sind doch hier kein Sammelplatz für gelangweilte Angehörige, menno!

L. sitzt dick geschminkt, mit bockigem Gesicht und Emlar-Pflaster (Betäubungspflaster für die Haut - eigentlich für Kinder gedacht, damit das Blutabnehmen nicht so weh tut - Anm.d.R.) in der Ellenbeuge vor mir, während La Mamma (eine Walküre mit wirklich beeindruckendem Organ und dunkelbraun umrandeten Lippen *schüttel*) mir schnippisch Auskunft auf meine Anamnesefragen gibt:

Letzte Periode vor drei Wochen, nimmt die Pille, geht regelmäßig zum Frauenarzt, hat einen festen Freund, Fieber, kein Erbrechen, kein Durchfall, Schmerzen seit heute Mittag, Urin unauffällig.

Die gynäkologische Untersuchung gestaltet sich schwierig - L. peanst und jammert, was das Zeug hält, La Mamma quasselt mir ständig Differentialdiagnosen dazwischen ("Es könnte doch auch eine Eileiterschwangerschaft sein?!" - "Meine Mutter hatte es früher immer mit dem Unterleib - das war genauso!" - "Vielleicht ist es ja eine Zyste?!" - "Können sie einen Abstrich machen!?".... *aaaaaaaaaaaaaaaaaaarghl*) und ich bin kurz davor, sie raus zu schmeißen. Doch dann mach ich es, wie sonst nur zu Kindergeburtstagen und Elternabenden: ich stelle die Ohren auf Durchzug und mich tot. So geht´s dann.

Fakt ist - L-chen hat einen ganz anständigen Portio-Schiebe-Schmerz und mächtig Weh, wenn ich ihre Ei-chen betatsche. Deutet - mit der beeindruckenden Zahl von 17 Tausend Leukozyten im Blutbild - durchaus auf die Möglichkeit einer aktuen Eierstockentzündung hin.

Was das denn nun heiße?

Das heißt im Klartext: Stationäre Aufnahme, 3fach Kombination Antibiotika, und zwar mindestens drei Tage intravenös.

NEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEE!!!!!

Wie - neee?????

Nee, L. bleibt keinesfalls stationär, erstens ginge das nicht, zweitens könne sie nicht und drittens *fängtdasweinenan*. Ich appeliere an die Vernunft der Mutter, erkläre, daß eine nicht ausreichend behandelte Adnexitis durchaus verherende Konsequenzen haben kann (Sterilität, Sterilität und Sterilität) - ja, ob ich denn überhaupt SICHER sei, das es eine Eierstockentzündung ist?! NEIN!!! Denn: s.o.!!! Aber die Klinik spricht eindeutig dafür, großartige Alternativen haben wir auch nicht, also ist die stationäre Aufnahme zur i.v.-Antibiose Mittel der Wahl.

Nach vielem hin- und her schick ich L. und La Mamma zurück zu Hombre, soll der sich doch eine Differentialdiagnose überlegen - auf meinen Konsilschein schreibe ich zuvor brav und ausführlich Anamnese, Diagnose und Therapieempfehlung, sowie "Patientin lehnt stationäre Aufnahme trotz dringend indizierter intravenöser Therapie ab!!

Keine drei Minuten später klingelt mein Lieblingshandy, und Hombre will wissen, warum ich L. nicht übernommen habe...?! Äh - Hallo??? McFly??? Jemand Zuhause? Ich mein - wer lesen kann, ist doch klar im Vorteil, oder? Aber Hombre versteht nicht. Warum die Frau denn nicht einfach gehen kann? - WEIL SIE ANTIBIOTIKA BRAUCHT!!! Ja - warum ich die denn nicht aufschreibe?????....................*Kopf->Tischplatte* Nach weiteren 25 Minuten simultandolmetschens (gynäkologisch-chirurgisch) ist der Groschen endlich gefallen, und Hombre hat kapiert, wo der Hase begraben liegt. Er verspricht, sich L-chen nochmal zur Brust zu nehmen, und siehe an, keine 1 1/2 Stunden später *hust* sitzen meine beiden Frauen wieder vor mir. Und die erste Frage lautet: "Sind sie sich denn auch ganz SICHER.....?!?!"

Ich bin durchaus gut erzogen, mir platzt nur ganz selten mal der Kragen, fremde Leute - noch dazu Patienten - anzupampen liegt mir in der Regel völlig fern, aber JETZT bin ich SAUER, und zwar SOWAS VON!!! Ich erkläre dem Häschen und seiner Mama, daß es mir in der Tat so hoch wie breit ist, ob Häschen eines Tages zwei Drittel seines zu erwartenden Jahresgehalts in Investitionen wie IVF und ICSI wird stecken müssen, bis zur Halskrause vollgepumpt mit synthetischen Hormonen, um dann entweder ultraschallgesteuert und zu genau festgelegten Zeitpunkten koitieren zu müssen, oder die mühsam gezüchteten Ei-chen unter OP-Bedingungen abpunktiert zu bekommen.

Es ist 1.30 Uhr als ich L. an die ersten Flaschen Cefuroxim und Clont hänge, und mein Redebedarf für diese Woche ist absolut gedeckt, DAS kann ich euch sagen.....

Sonntag, 4. Oktober 2009

Urlaub minus 11...

Sonntag, 4.10.2009 - und ich sitze in der Klink :(

Dies ist mein viertes von insgesamt fünf aufeinanderfolgenden Arbeitswochenenden, und ich hab sowas von den Kanal voll, daß ich - entgegen meiner sonstigen Gesinnung - nur noch übelst gelaunt und miesepetrig dreinschauend durch die Gegend laufe. Das Schlimmste: ich hab noch nichtmal ausreichend Zeit, anständig und regelmäßig zu ESSEN - dabei weiß jeder, der mich auch nur vom sehen kennt, daß ich hungrig NOCH gefährlicher bin, als ein angeschossener Tyrannosaurus Rex. Is´ wahr!

Acht Dienste haben mir den September "versüßt" (wir wiederholen für alle neu-eingestiegenen und nicht-mehr-auf-dem-laufenden: ich arbeite TEILZEIT!), im Oktober sind es sechs Dienste in zwei Wochen - aber ab nächste Woche hab ich dann immerhin Urlaub, Yipphie!!!

Und da ich vor lauter Kinder-Taxi-Hausaufgaben-Überwachen-Klassenarbeiten-Vorbereiten-Hund-Gassi-Führen-Pferd-Versorgen-Und-Reiten-Garten-Herbstfest-Machen-Wäsche-Waschen-Bügeln-Wegräumen-Einkaufen-Haushalt-UND-Arbeiten irgendwie zu gar nichts mehr komme, liegt derzeit auch mein Blog brach - aber ja doch, ich gelobe Besserung!

Die letzten Wochen waren schwer ereignisreich - "meine" Reanimatin hat das Krankenhaus vergangene Woche auf ihren eigenen zwei Beinen und bei physischem (!!!) Wohlbefinden verlassen - wir haben im Laufe ihres Aufenthaltes noch viel miteinander geredet, was uns beiden irgendwie ein bisschen geholfen - aber nein, was sie jetzt durchmacht wünscht man seinem ärgsten Feind nicht...

Dann ist eine ehemalige Arbeitskollegin verstorben - junge Frau, kleines Kind, Cervix-Ca. Schlimme Kiste :( Da hab ich dann doch gedanklich Abbitte geleistet und zwei Tagen lang klaglos mein Pensum bearbeitet.

Doch auch ich bin keine Heilige, und so mußte am Tag drei dann doch mal wieder ein bisschen Dampf abgelassen werden: Uns steht eine Zertifizierung ins Haus (alle Jahre wieder), und wie immer steht die Hälfte des Personals Kopf, während der Rest sich völlig hemmungslos einer Panikattacke nach der anderen hingibt. Okay, so eine Überprüfung sollte man bestimmt nich auf die leichte Schulter nehmen, aber es gibt Sachen, die MUSS ich einfach nicht verstehen. Und schon gar nicht einsehen. Beispiel?! - Bitte:

Ich hab kürzlich im Dienst eine Patientin aufgenommen - Frühschwangerschaft mit V.a. Magen-Darm-Infekt, hat nichts, was oben rein ging, bei sich behalten. Also Infusionstherapie angeordnet:

Sterofundin 1000ml 1-1-1

Heißt nichts anderes als das die gute Frau dreimal am Tag (morgens, mittags, abends) eine 1l-Flasche Kochsalzlösung als Infusion verabreicht bekommt. So weit, so logisch. Jetzt kommt die Vorzertifizierungsfrau (der Probelauf sozusagen) und versucht mir klar zu machen, daß diese Anordung - getätigt abends um 19 Uhr - missverständlich sei. Die diensthabende Schwester müsse annehmen, das ALLE DREI 1l-Infusionen noch am selben Abend verabreicht werden sollten. Ich müsse mich schon deutlicher ausdrücken. ÄH -HÄÄÄÄÄÄ???? Jetzt Ernst oder was??? Seit jahrmillionen werden Medikamente auf diese Art und Weise angeordnet, und keine bis drei-zählen-könnende Schwester würde auch nur im entferntesten auf die Idee kommen, einer Frau drei Liter Wasser im Schuss einlaufen zu lassen.

Nee, trotzdem, das müsse ich mir anders überlegen. *HEADSHOT*

Weiteres Problem: an jenem Abend war keine 1000ml-Flasche NaCl mehr auf Station vorrätig, die Schwester fragte mich also, ob sie stattdessen auch 2x500ml anhängen könne? Klar doch - kann sie.

*MÄÄÄÄÄHP* - is´ nicht, wegen geht nicht! Dann müsse ich gefälligst auch 2x500 ml anordnen. Sonst könne ja jeder kommen... *indietischkantebeiss*

Ich glaube, am Tag der Zertifizierung muß ich ganz dringend frei nehmen, sonst könnte es sein, daß ich mich vergesse. Und mein Chef ohne Zertifikat bleibt. Oder so....

Gut! Genug aufgeregt. Ich schieb mir jetzt meine lecker-selbstgemachte Lasagne in die Mikro und schaue ein wenig anderen Menschen beim unqualifizierten Auswandern zu. Dienstag dann mehr - von der englischen Woche!!!

...orientiert UND ansprechbar!!!

In der Tat - nun IST sie es auch wirklich - siehe oben.

Heute morgen gleich als erstes zur Intensiv gewackelt, und da lag sie dann - Augen auf, klarer Blick, gaaaaaaanz anderer Eindruck als gestern. Auf die vorsichtige Cheffrage, ob sie denn noch wüßte, was passiert sei: Tränen. Nicken. "Kind verloren"...

Es geht bergauf. Zumindest für uns. WIR haben sie halbwegs übern Berg - IHR Aufstieg dagegen beginnt gerade erst, und wird länger und härter sein, als man sich vorstellen mag. Ich wünsche ihr, daß sie diesen Weg nicht alleine gehen muß...

Donnerstag, 17. September 2009

EXTUBIERT!!!....

...bedingt räumlich und örtlich orientiert UND ansprechbar!!!

DAS war um 16 Uhr mein Empfang zum heutigen Dienstantritt, und ich ob dieser guten Neuigkeit sprachlos vor Freude. Bin dann auch gleich mit Chef nach Intensiv gerannt - wo sich das Glückshoch leider nicht wirklich lange aufrecht halten ließ - unter orientiert und ansprechbar stellt der schnöde Gynäkologe sich etwas VÖLLIG anderes vor, als der versierte Intensivmediziner.

Aber doch, ja, sie schnauft alleine, und ja, immer noch bis zur Halskrause mit allem möglichen Zeug vollgedröhnt ist sie obendrein - wenn die Internisten vorsichtig Optimismus verbreiten, dann wollen wir keinesfalls die Spielverderber geben.

Aber auch die Cheföhrchen hängen nur noch auf halb Acht, als wir ein wenig gedämpft von Station schleichen. Nichts desto Trotz nehmen wir es heute mit Scarlett O´Hara: "Morgen ist auch noch ein Tag...!"

One Day More...

...und sie lebt noch! Nicht gut, nicht wach, aber sie lebt. Wir hangeln uns von Tag zu Tag...

Der "Vorteil" für einige Zeit an einem richtig großen Haus zu arbeiten liegt mit Sicherheit darin, daß man relativ schnell relativ viel zu sehen bekommt. Und das in jeder Hinsicht.

Ich habe alte Menschen sterben sehen, junge Menschen - ein paar Mal sogar Neugeborene, Ungeborene... So viele "erste Male", die nicht abstumpfen aber doch abHÄRTEN. Und immer wieder desillusionieren. Viele Patienten nehme ich heute nicht mehr mit nach Hause. Das geht auch gar nicht - schließlich wartet daheim eine Familie mit Anrecht auf eine antidepressive Ehefrau und Mutter. Aber alle Jahre wieder gibt es Menschen, die du nicht auf der Schwelle der Klinik zurücklassen kannst. Nicht immer sind es die großen, tragischen Fälle, die sich heimlich in deine Tasche schleichen und nach dem Abendessen hinterrücks neben dir auf der Couch sitzen. Oder Nachts in deinem Bett schlafen - umso unvorhergesehener trifft es dich dann.

Okay, "meine" Reanimation IST ein tragischer Fall. Und sie sitzt derzeit an meinem Tisch, schläft in meinem Bett und fährt in meinem Auto. Wenn ich meine Kinder ansehe frag ich mich, wie es wohl wäre, wenn ich ALL DAS nie gehabt hätte?! Mit dem Wissen, so dicht davor gewesen zu sein - und alles verloren zu haben? WENN sie diese Geschichte überlebt, wird sie definitiv NIE WIEDER schwanger werden. Somit hat sie mit der Vergangenheit auch gleich noch die Zukunft verloren...

Der Fortpflanzungstrieb in uns allen im Allgemeinen - und in Frauen im Speziellen - ist unglaublich gut ausgebildet. Klar - wir wären seit jahrmillionen ausgestorben, wenn dem nicht so wäre. Ich behaupte immer wieder leicht boshaft, daß ich noch keine Frau kennen gelernt habe, bei der nicht früher oder später die biologische Uhr laut zu ticken angefangen hätte. Ja, sicher kann man auch ohne Kinder glücklich werden - keine Frage. Aber es ist in meinen Augen ein Unterschied, ob ich diese Entscheidung aus freien Stücken eingegangen bin - oder weil das Schicksal mir das Messer an den Hals gesetzt hat.

Wie mag es sein, wenn man so kurz vorm Ziel alles verloren hat? Einen Traum nicht nur gedanklich sondern TATSÄCHLICH beerdigen muß? Ein Kind, das bereits einen Namen hatte? Ein Gesicht? Das man anfassen und doch nicht "halten" kann?...

Ich schaue meine Kinder an, und sage ihren Namen, ich wusel ihnen durchs Haar und schaue glücklich auf den Wochenplan, der mit Terminen für Kindergeburtstage, Elternabende und Vorstellungen beim Kieferorthopäden nur so gepflastert ist. Und ich möchte nichts missen - nicht den fehlenden Nachtschlaf der ersten Jahren, nicht die kleinen und großen Kinderkrankheiten, wenn ich immer wieder statt Hufgetrappel die Zebras vorüberrauschen hörte. Nicht stundenlanges Herumkutschieren, nicht Geschrei und Geheule, und nicht pausenloses Geschnatter am Morgen, während ich vergeblich versuche, mich mit Unmengen Kaffee wach zu trinken.

Ich weiß all das zu schätzen - meinen Mann, meine Kinder, das Glück drei Schwangerschaften und drei Geburten unbeschadet für alle Beteiligten überstanden zu haben. Heute weiß ich das mehr denn je - und staune immer wieder darüber, daß dieses Wunder tagtäglich erneut geschieht. Vielleicht erklärt DAS meine Leidenschaft für die Geburtshilfe. Sie macht uns demütig - und dankbar...

Dienstag, 15. September 2009

Tage, die kein Mensch braucht...!

Gestern morgen habe ich eine Frau im Kreißsaal gesehen. Einweisungsdiagnose: schwanger am Termin mit Unterbauchschmerzen. Da per CTG keine Herztöne mehr ableitbar sind, werde ich zur Bestätigung der längst vermuteten Tatsache gerufen, hab mit Ultraschall nachgeschaut - und tatsächlich: der sonst so muntere Tanz der Kammern und Vorhöfe beendet, im Doppler nur noch Farbrauschen meiner eigenen Bewegungen... - Tot!

Da es sich offensichtlich um eine vorzeitige Lösung handelt, wird zügig die Indikation zur Sectio gestellt. Also Frau in OP, Bauch auf, totes Kind raus- und wir sind fast schon wieder draußen, als die Anästhesie plötzlich völlig elektrisiert auf den Überwachungsturm starrt, wo der Herzschlag der Frau gerade bildlich und per Ton den Sinkflug angetreten hat:

PIEP PIEP PIEP PIEP piep piep .....................................

"Ich glaub, wir müssen reanimieren" hör ich gerade noch und denke "Nee, ne? Das kann jetzt ja nur ein schlechter Scherz sein...?!", als auch schon der Defi hereingefahren wird, während um uns herum das totale Chaos vom Zaun bricht: in Windeseile wird der Brustkorb der Frau frei gelegt, der erste Pfleger stürzt sich mit gestreckten Armen auf die dafür vorgeschriebene Stelle am Brustbein und pumpt wild drauf los, während in atemberaubender Geschwindigkeit Spritzen aufgezogen und gleich wieder weg gespritzt, Zugänge verlegt und Infusionen getauscht werden. Dazwischen dann immer wieder der Satz, den jeder 9-jährige bereits aus dem Fernsehen kennt, und der für mich dennoch nichts von seiner gänsehauterzeugenden Wirkung verloren hat: "WEG VOM TISCH"

Wie von Geisterhand geschüttelt hebt der Oberkörper der Frau sich kurz über Tischniveau und sackt dann schlapp zurück, das Pumpenspiel und die Spritzenjongliererei beginnt von vorne, bis nach der 3. Runde endlich, endlich wieder eine dünne blaue LED-Linie EKG-konforme Zackenmuster auf den Bildschirm malt.

Jetzt gilt es - jetzt oder nie nähen wir fein säuberlich und in halsbrecherischem Tempo Naht um Naht, versenken Drainagen und Knoten wie der Teufel - bis erneut angezählt wird: "WEG VOM TISCH!"

Uns bleibt nichts mehr als warten und hoffen - das sie durch kommt. Das der Frau und dem Mann wenigstens das eine bleibt: IHR Leben!

Die Minuten tropfen wie Stunden von der Uhr, unendlich langsam schiebt der Zeiger sich mühsam weiter - und noch immer kein stabiler Zustand. Die Gerinnung im Sinkflug, zu zweit drücken sie EKs, FFPs und PPSBs durch dreilumige ZVKs und Braunülen, Suprarenin, Noradrenalin und haste-nicht-gesehen, und wir, die wir zum Zuschauen verdammt sind, verfolgen wie hypnotisierte Kaninchen den unruhigen Lauf dieser vermaledeiten, kleinen LED-Linie über den schwarzen Monitor.

PIEP PIEP PIEP PIEP PIEP PIEP ......................................

Gestern um diese Zeit war ihre Welt noch in Ordnung, denke ich. Das Baby im Bauch wohlig verpackt in mollig temperiertem Fruchtwasser, gedämpfte Stimmen, seichtes Geschaukel. Gestern um diese Zeit wartete im Zuhause dieser Menschen alles auf den Einzug des neuen Familienmitgliedes. Großeltern, Freunde und Verwandte in aufgeregter Erwartung, wer wohl als erster einen Blick auf das Kindele würde werfen dürfen. Gestern...

Heute ist nichts mehr in Ordnung. Und selbst, nachdem die Anästhesie zwei Stunden lang alles menschenmögliche getan und die Frau einigermaßen kreislaufstabil auf Intensiv bekommen hat, ist die Welt nicht mehr das, was sie einmal gewesen war. Ein totes Kind, ein leeres Zimmer, ausgeträumte Hoffnungen - und vielleicht...

Den Gedanken nicht fertig denken!!!

Sie ist stabil, aber noch nicht über den Berg. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Bin wieder da...!!!

Der Alltag hat mich wieder! Nach zwei Tagen super-intensiver Fortbildung.

Schön war´s - aber anstrengend! Nette Leute hab ich kennen gelernt - und frage mich immer noch, wo denn von heute auf morgen all die Männer in der Gynäkologie und Geburtshilfe hingekommen sind??? Was würde ein Semmelweis dazu sagen, daß das männliche Geschlecht so scheinbar endgültig seinen Rücktritt aus diesem ohnehin schon Frauen-dominierten Gebiet angetreten hat? Und warum bitte ist das so?

Nee, ich hab nix gegen Frauen, wie denn auch, ich bin ja selbst eine, aber wenn man tagein-tagaus von PatientINNEN, KollegINNEN, Schwerstern und Hebammen umgeben ist, außerdem RaumpflegerINNEN, AngehörigINNEN - und haste-nicht-gesehen, DANN biste schnitzelglücklich über jeden Kerl, der dir über die Klinikschuhe läuft. Iss´so!!! Und das zuviel Frauen auf einem Haufen manchmal ganz schön anstrengend sein können, weiß ja wohl jeder... ;)

Nichts desto trotz hab ich das ein oder andere NEUE, und vor allem sehr nette Mädel kennen gelernt, wir alle freuen uns jetzt schon auf den Perinatkurs im Februar (Aachen), und heute ist alles schon wieder beim alten: ich sitze im Dienst, hurray, und harre der Dinge, die da noch so kommen sollen...!

Die Woche geht dann munter weiter mit Donnerstag-Samstag-Dienstag-Donnerstag-Dienst, und ich zähle die Tage rückwärts bis zu meinem Urlaub im Oktober. Reif dafür bin ich jetzt schon - aber davon ein ander Mal mehr!

Donnerstag, 10. September 2009

Ich bin dann mal weg...

...auf Fortbildung. Oder was dachtet ihr? :)

In der Klinik herrscht Chaos. Ach so - nee, ist ja nicht wirklich neu. Aber die Art und Weise des Chaos - die hatten wir so geartet noch nicht. DENN: Der Chef hat eine neue Kollegin eingestellt. Bis hierher alles noch bestens. Die Frau hat Erfahrung im Geschäft, möchte auch gerne gleich Dienste machen - wir beginnen uns vorsichtig zu freuen... - kommt am vergangenen Dienstag, morgens zur Übergabe (man erinnere sich: an diesem Tag gehe ich morgens um 8 AUS dem Dienst um Nachmittags um 16 Uhr wieder ZUM Dienst zurück zu kehren) - und als ich meine Nachtschicht keine 8 Stunden später antreten möchte - ist sie quasi schon gefeuert. WAHNSINN!!! Mein Sohn fragte am Tag drauf, ob er vielleicht mal die Verwaltung des Guiness-Buches anrufen solle...?

Was war passiert? Nun - Frau Dr. Mahlzahn hatte es mit ihrer bezaubernden, zurückhaltend freundlichen Art *ironieoff* innerhalb kürzester Zeit geschafft, jeder Person, der sie begegnete, zur Begrüßung mal ganz kräftig auf die Füße zu treten. Bildlich gesprochen, versteht sich. Das Krankenhaus an sich war ihr zur klein und provinziell (teilte sie dem Verwaltungschef liebenswürdig mit), die Stationsführug unübersichtlich (ließ sie Oberschwester T. wissen), die Zusammensetzung des Kollegiums zu "inhomogen" *HUST* (rieb sie dem Chef unter die Nase), und überhaupt sei einzig die Schweiz das gelobte Land, nur dort würde sich noch anständig um ärztliches Personal gekümmert - ob ihr wohl mal jemand einen Kaffee bringen könne (mit Blick auf oSoleMia, meine Liebliengshebamme...).

Chef ist ja an sich ein unglaublich geduldiger Mensch, sehr schwer auf die Palme zu bringen, und schreien hab ich ihn noch nie gehört - nun, man sagt, in den 8 Stunden meiner Abwesenheit an diesem Tag hätte ich sämtliche, bis dahin noch nicht gesehene, oben aufgezählte Facetten von Ärger, Wut und Wahn an meinem sonst so ausgeglichenen Chef VERPASST. So ein Ärger aber auch...

Ende von Lied: Frau Dr. Mahlzahn wurde am Ende des Tages die Auflösung des erst frisch abgeschlossenen Arbeitsvertrages nahe gelegt, und da weder Kaffee, noch Stationsleitung, geschweige denn Zustand des Krankenhauses oder Interieur ihres Wohnraumes auch nur annähernd Frau Mahlzahns Anforderungen entsprach - unterschrieb sie stat, und zog beleidigt von dannen.

NUN sind wir - wie sollte es anders sein - wieder allein, allein. Und schieben zu dritt einen Dienst nach dem anderen. ABER: die Stimmung ist weiterhin gut, und so geben wir die Hoffnung nicht auf, eines Tages doch mal wieder auf eine angemessene Anzahl Kollegen zu kommen, wenn nicht heute, dann vielleicht doch morgen. Oder Oktober.... - zur Not wünschen wir uns den neuen Kollgen vom Weihnachtsmann. Ist ja auch nicht mehr lange hin.

Jetzt fahr ich aber erst mal für ein paar Tage fort. Fort-Bildung. Freu isch misch drauf. Heißt das doch: 4 Tage keinen Dienst!

Also bis die Tage - bleibt sauber, und seht zu, daß eure Chefs keine komischen Leute einstellen - Frau Mahlzahn ist nämlich wieder zu haben... *ggg*

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Zuletzt aktualisiert: 30. Okt, 19:21

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